Sehenswertes in Affaltrach

Das Thalheimer-Haus

Bangarten 3/1, Obersulm-Affaltrach

Geburtshaus von August und Bertha Thalheimer

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Affaltrach ist ausführlich im Bericht über die frühere Synagoge  enthalten (siehe dort). Affaltrach gehörte über Jahrhunderte zu den württembergischen "Judendörfern". Die Synagoge prägte das dörfliche Leben nicht weniger als die christlichen Kirchen. 1683 lebten 3 jüdische Familien in der Gemeinde, im Jahr 1788 waren es bereits 22 Familien. Von den 990 Einwohnern bekannten sich im Jahr 1858 nach der Beschreibung des Oberamts Weinsberg 518 zum evangelischen, 253 zum katholischen und 219 zum jüdischen Glauben. Bis ins 19. Jahrhundert lebten viele Juden in recht ärmlichen Verhältnissen. Nur wenige hatten es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Das änderte sich, als nach Ende der Johanniterherrschaft über Affaltrach ab dem Jahr 1807 den Juden erlaubt wurde Grund und Boden zu erwerben. So standen um 1840 rund 30 Gebäude in jüdischem Eigentum. Teilweise handelte es sich dabei nur um Stockwerkseigentum, wie bei der übrigen Bevölkerung auch. Bei Marin Ritter "Die jüdische Gemeinde Affaltrach" werden 29 jüdische Grundbesitzer für das Jahr 1869 aufgeführt. Nach der Gleichstellung der Juden im Jahr 1864 im Königreich Württemberg (Erlangung aller Bürgerrechte, u.a. freie Berufswahl, freie Wahl des Wohnortes) setzte beim Landjudentum sehr schnell die Abwanderung in die Städte sowie eine Auswanderungswelle ein. 1933 lebten noch 23 jüdische Bürger im Ort.

Die Familie Thalheimer 

Der Stammbaum der Familie Thalheimer lässt sich in Affaltrach bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen.1892 zog Moritz Thalheimer mit seiner Familie nach Winnenden, 1899 nach Bad Cannstatt. Sein Wohnhaus verkaufte er im Januar 1892 an Friedrich Frisch. Danach gehörte das Anwesen Hermann Lang, dessen Mutter eine geborene Frisch war. Später war die Gemeinde Obersulm Eigentümerin, die das denkmalgeschützte Gebäude zur Renovierung an einen Privaten verkauft hat.

Moritz Thalheimer

Der 1855 in Affaltrach geborene Moritz Thalheimer war ein wohlhabender Kaufmann, Immobilienhändler und Weingärtner. Er pflegte enge Kontakte zu führenden Persönlichkeiten der deutschen Sozialdemokratie und den großen Linken dieser Zeit wie z.B. Clara Zetkin, Fritz Westmeyer, Franz Mehring und Paul Levi. So kamen die beiden in Affaltrach geborenen Kinder August und Bertha schon früh mit sozialdemokratischer Politik und marxistischen Theorien in Berührung.

August Thalheimer  (1884 - 1948)

August Thalheimer studiert u.a. Philosophie, Sprachwissenschaften, Ökonomie und  promovierte nach Studienaufenthalten in Oxford und London an der Universität Straßburg (Dr.phil.). Im Jahr 1910 trat er in die SPD ein und gehörte dort zum linken Flügel der Partei. Eng mit der Gruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verbunden, gehörte er zu den entschiedenen Gegner des Ersten Weltkriegs. 1916 war er Wegbereiter und Mitbegründer des Spartakusbundes, einer linksradikalen, revolutionären Bewegung, die sich von der SPD abspaltete. Nur vier Tage nach seiner Heirat mit Cläre Schmidt im Mai 1916 wurde er trotz Kriegsgegnerschaft zum Militärdienst eingezogen, aufgrund seiner vielfältigen Sprachkenntnissen als Dolmetscher im Hauptquartier des Kronprinzen. Nach Kriegsende und kurzem Aufenthalt in Stuttgart zog August Thalheimer nach Berlin. Dort redigierte er zusammen mit Luxemburg und Liebknecht  die "Rote Fahne", das Zentralorgan des Spartakusbundes und war 1918 einer der Mitbegründer der KPD. 1929 wurde Thalheimer mit anderen kritischen Marxisten aus der KPD ausgeschlossen, nachdem er wegen seiner Gegenerschaft zu den Stalinisten seine Ämter in der Partei bereits schon 1924 aufgeben musste. Zusammen mit Freunden gründete er die KPD-Opposition, wurde Vordenker und Theoretiker dieser Partei, Mitglied der Reichsleitung und Herausgeber ihrer Zeitschriften "Gegen den Strom" und "Arbeiterpolitik". Als einer der Ersten setzte er sich wissenschaftlich mit dem aufstrebenden Faschismus der 20-er Jahre auseinander. "Ziel des Faschismus ist die Beseitigung der bürgerlichen Demokratie", schrieb er 1929 in seiner umfassenden Analyse. Weitsichtig und eindringlich warnte er vor der Gefahr der Zermürbung der Parlamente und der freien Presse, der Aufhebung der Versammlungsfreiheit, des Vereinsrechts, des Koalitions- und Streikrechts und schlussendlich der Vernichtung der parlamentarischen Parteien. Nach der Machtergreifung 1933 durch die NSDAP emigrierte Thalheimer mit Frau und seinen beiden Kindern nach Frankreich. Der Sohn konnte von dort aus zu Freunden nach Norwegen kommen. Als Deutschland 1940 Frankreich überfiel, begann für die Familie Thalheimer ein neuer Leidensweg. Nach Internierung in zehn verschiedenen Lagern gelang August Thalheimer mit seiner Frau Cläre und Tochter Sita mit Hilfe amerkanischer Freunde 1941 die Flucht nach Kuba. Eine Rückkehr nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verwehrten ihm die damaligen Besatzungsmächte.

Bertha Thalheimer (1883 - 1959)

Bertha besuchte das gleiche Realgymnasium für Knaben (!) wie ihr Bruder, ein von Jesuiten geleitetes Elitegymnasium in Bad Cannstatt. Anschließend studierte sie in Berlin Nationalökonomie. 1910 trat sie ebenfalls in die SPD ein und gehörte zum Freundeskreis um Clara Zetkin, Eva Mehring und Rosa Luxemburg. Als Journalistin sah Bertha Thalheimer die Bildungsarbeit für Frauen und in der Jugendbewegung als eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Sie nahm als entschiedene Gegnerin des Ersten Weltkrieges an verschiedenen Konferenzen teil, auch in der Schweiz. Im Juni 1917 verurteilte das Reichsgericht in Leipzig die streitbare Frauenrechtlerin wegen versuchten Landesverrats zu zwei Jahren Zuchthaus, weil sie das Manifest der Frauenkonferenz in Bern gegen den Krieg (1915) verbreitet hatte. Ende 1918 nahm sie am Parteitag zur Gründung der KPD teil und war 1925 Mitbegründerin des "Roten Frauen- und Mädchenbundes". 1929 wurde sie mit ihrem Bruder und weiteren Parteimitgliedern aus der KPD ausgeschlossen, weil sie die Unabhängigkeit vom Kurs Stalins forderten. Auch sie war Gründungsmitglied der sog. KPD-Opposition. Die Machtübernahme 1933 erschwerte das Leben als Journalistin und Jüdin. Ihre 1920 mit dem Mechaniker Karl Wilhelm Schöttle in Stuttgart geschlossene Ehe wurde geschieden. Mit dem Verkauf von Kaffee verdiente sie den Lebensunterhalt. 1941 musste Bertha in ein "Judenhaus" umziehen und wurde von dort 1943 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Nach ihrer Befreiung 1945 konnte sie zu ihren Söhnen nach Stuttgart zurückkehren. Dort bemühte sie sich leider vergeblich um die Rückkehr ihres Bruders August aus dem Exil in Kuba.

(Quelle: Theodor Bergmann, Wolfgang Haible: Die Geschwister Thalheimer)


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