Sehenswertes in Sülzbach

Altes Schul- und Rathaus

Eberstädter Straße 10, Obersulm-Sülzbach

Das Gebäude wurde 1775 von Johann-Georg Blezinger erworben und 1776 ausgebaut. Demzufolge muss das Gebäude als kleineres Anwesen schon älter sein. Die heutige Inschrift über der Haustüre lässt darauf schließen, dass ein Nachfahre (Christian-Friedrich Blezinger) weitere Umbaumaßnahmen am Haus vorgenommen hatte.
1808  verkaufte er das Gebäude, das nun als Schul- und Rathaus eingerichtet wurde.

Die erstmalige Bebauung des Grundstückes, auf dem das ehemalige Schul- und Rathaus steht, lässt sich nicht genau ermitteln. Mit großer Wahrscheinlichkeit befindet es sich auf dem ehemaligen "äußeren Friedhof." Die Pestjahre führten dazu, dass der "innere Friedhof" (innerhalb der Kirchenmauer) nicht mehr ausreichte um die Toten zu bestatten. So wurden beim Abbruch einer an das Schulhaus angrenzenden Scheune mehrere Gräber aufgedeckt. 

Ab 1808 war dieses  Gebäude das  Schul- und Rathaus von Sülzbach. Im unteren steinernen Stockwerk wurde das "Rathszimmer und die Registratur, sowie das Ortsgefängniß" eingerichtet. Im oberen Stock befand sich das Lehrerzimmer für damals 88 (!) Schülerinnen und Schüler und die Wohnung für den Lehrer.  Später (1851) kam zur Winterschule die Industrieschule hinzu. In ihr sollten Kinder aus der Unterschicht zur Arbeit erzogen und ausgebildet werden, um sie für das spätere Erwerbsleben in der sich entfaltenden Industriegesellschaft zu rüsten. Ziel war es auch, die Kinder der Armen durch Beschäftigung zu unterstützen und vom Kinder-Bettel abzubringen. Vor allem Mädchen sollten in die Lage versetzt werden, in ihren Familien bestimmte Arbeiten selbst erledigen zu können um sparen zu helfen und auch mit Handarbeiten ein wenig Geld zu verdienen. Aus den Industrieschulen entwickelte sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der Handarbeitsunterricht in den Dorfschulen.

1859 war einer größere Instandsetzung erforderlich. Der vom Einsturz bedrohte Dachstuhl bzw Giebel musste erneuert werden. Für die Baumaßnahmen verantwortlich war die Stiftungspflege, wobei die Gemeinde das erforderliche Holz für das Konstruktionsfachwerk beisteuerte. Die Kostenschätzung des Oberamtes für diese Maßnahmen beliefen sich auf 313 Gulden (fl).

Im Jahr 1936 benötigte die Schule wegen steigender Schülerzahlen einen zweiten Schulsaal. Dafür wurde der bisherige Ratssaal zum Schulsaal umgebaut. Das Rathaus zog in das von Gustav Wolff gekaufte Gebäude "Gasthaus Lamm und Metzgerei" (heute Geb. Hauptstraße 3).

1946 wurde zusätzlich zu der Lehrerwohnung eine weitere Wohnung eingebaut. Im Rahmen eines außerordentlichen Bauprogramms war diese Wohnung als Flüchtlingsunterkunft zweckbestimmt.

1950 verpachtete die Gemeinde den über eine steile steinerne Treppe erreichbaren Keller und zwar an den im selben Jahr gegründeten traubenaufnehmenden Erzeugerzusammenschluss (Weingärtnergenossenschaft Sülzbach egmbH). Beachtliche 48 Mitglieder gehörten diesem Zusammenschluss an. Die durchschnittliche Rebfläche pro Mitglied  betrug 0,62 ha. 

Im Juni 1964 zogen 100 Sülzbacher Schüler in den vom " Volksschulverband Willsbach-Sülzbach" erstellten Schulneubau (heute Teil der Michael-Beheim-Schule).  In dem nun freigewordenen Schulsaal im Erdgeschoss wurde 1965 ein Kindergarten eingerichtet. Der Saal im oberen Stockwerk diente als Kirchensaal, für Konfirmandenunterricht oder Jungschar. Noch immer wurde dieser Saal mittels eines großen Kohleofens beheizt. Nach dem Bau eines Gemeindehauses 1988 durch die Evangelische Kirchengemeinde entfiel diese Nutzung.

Die Gemeinde verkaufte das Gebäude. Der neue Eigentümer setzte es instand und baute weiter Wohnungen ein.


Industrieschulen

Diese Schulform wurde 1779 in Böhmen von Bischof Ferdinand Kindermann von Schulstein gegründet und in den Folgejahren in Deutschland eingeführt. Verharmlosend wurden diese Schulen bei uns auch Winterschulen genannt. Buben lernten dort Spinnen oder auch landwirtschaftliche Tätigkeiten. Die Mädchen lernten überwiegend Stricken, Flicken und Kochen. An diesen Schulen sollten durch unablässige Tätigkeit Müßiggang und Laster unterbunden werden. Vielfach ging es aber um nichts anderes als um Kinderarbeit. So wurden andernorts solche Schulen direkt in Waisen- oder Findelkinderhäusern eingerichtet, die an Fabriken angebunden waren. Der Alltag bzw. Arbeitstag begann dort um 5.00 Uhr und endete spät abends. Den Kindern an unserer Schule erging es erfreulicherweise besser, ein Zuckerschlecken war der Unterricht jedoch trotzdem nicht. 

Zur Ausbildung von Lehrern für diese Schulform wurde 1811 in Würzburg eine Zentralindustrieschule eingerichtet. In Württemberg gab es einen Unterrichtskatalog, der darauf ausgerichtet war, die Kinder zu fleißigen und gottgefälligen Bürgern heranzuziehen. Mit welchen Methoden dies geschah. kann man sich unschwer vorstellen. Vielen Berichten ist zu entnehmen, dass die Lehrer und Aufseher/innen jede Unaufmerksamkeit und jeden Fehler beim Aufsagen von auswendig zu lernendem Unterrichtsstoff oder Gedichten mit der Prügelstrafe geahndet hatten.

Erstmals wurde 1854 ein Lesebuch eingeführt, in dem die Realien (die wirklichen Dinge und Tatsachen) beinhaltet waren. Bis dahin waren nur die Bibel und daraus abgeleitete religiöse Bücher als Lesestoff in den Schulen vorhanden. Erst 1864, also 10 Jahre nach der ersten Vorstellung des neuen Lesebuches,  wurde das Buch durch Ministererlass obligatorisch eingeführt. Da die Pfarrer und die Mitglieder des Kirchenkonvent bis 1909 die Aufsicht über die Schule und Lehrer hatten, war der Kichen- und Religionsunterricht noch immer Schwerpunkt im Schulalltag. Mehr und mehr wurde dann aber auch Geschichte, Naturgeschichte, Naturlehre und Rechnen unterrichtet.

Schulentwicklung

Durch die Entwicklung der Schülerzahl wurde 1936 eine zweite Schulstelle erforderlich. Nach dem Auszug des Rathauses wurde das in die Jahre gekommen Schulgebäude im Innenbereich renoviert, in der Lehrerwohnug die Küche und Waschküche zweckmäßiger gestaltet und im Außenbereich neue Aborte angebaut. Am Abend des "Tag der deutschen Ernte" am 4. Oktober war es dann soweit, der neue Lehrer zog auf. Hauptlehrer Buckenhofer aus Kirchheim a.R (wohl Ries) und seine Familie wurden vor dem Schulhaus begrüßt. Der Liederkranz trug mehrere Chöre vor, Bürgermeister Hermann, Pfarrer Haußmann und der NS Stützpunktleiter Luithle entboten der neuen Lehrersfamilie herzliches Willkommen. Hauptlehrer Buckenhofer gelobte seine ganze Kraft in den Dienst der Schule und der Gemeinde zu stellen. Fortan übernahm der neue Lehrer den Unterricht in der Oberklasse, während der seitherige Amtsverweser Lehrer Dietrich in der Unterstufe unterrichtete. Wie auch seine Vorgänger übernahm Herr Buckenhofer ebenfalls den Organisten- und Kantorendienst.

Tags darauf fand die feierliche Einsetzung im Zimmer der Oberklasse statt. Die Kinder grüßten den neuen Lehrer mit Gesang- und Gedichtvorträgen. Schulrat Knapp erinnerte in warmherzigen Ausführungen Kinder und Gemeinde an ihre Pflichten der Schule und dem Lehrer gegenüber. Er vergaß jedoch nicht zu erwähnen, dass auch der Lehrer Pflichten gegenüber den Schülern habe. Der Schulrat dankte der Gemeinde für die wohlgelungene Erneuerung der Schulsäle und der Lehrerwohnung.

Pfarrer Haußmann entbot seinen Willkommensgruß mit einem Gedicht:                                                                                                                                                                                                                                                                                                              "Aus Schutt und Trümmern, Schmutz und Graus, stattlich erstund der Schule Haus, auf festem Grund solidem Stein -getrost! Jetzt fällt er nicht mehr ein.

Entfernt ward das, was morsch und alt, und sauber alles ist gemalt, man wandelt sicher auf Zement, trefflich das neue Herdlein brennt.

Der Aufgang ist gar bunt geziert, die Stuben alle tapeziert.

Zu der Verenda, groß und neu, grüßt freundlich uns die Weibertreu.

Wie weit der Raum! An warmen Tagen stellt man hinaus den Kinderwagen und nirgends trocknet leicht und rasch wie dort, am Seil die größte Wasch.

Kurzum: Hier läßt sich's wohnen fein, macht auf das Tor und tretet ein!

Ja, tretet ein! Wir grüßen heute recht herzlich unsere Lehrersleute!

Schön war gewiß, das man verließ, das ferne Dörflein dort am Riß (Ries).

Doch läßt sich's auch behaglich leben, im Unterland, dem Land der Reben.

Die Kinder sind hier gut zu haben, die Mägdlein besser als die Knaben, und öfters braucht den Haselstock, die Bubenhose, als der Rock.

So grüßen wir nach altem Brauch, den Herrn, die Frau, die Kindlein auch.

Mög' Freud' und Glück euch hier begegnen, und unser Gott den Eingang segnen!"

 1939 wurde der Schulunterricht von auswärtigen Lehrern versehen, da die Lehrer von Sülzbach, Grantschen und Wimmental "ausmaschiert" waren. Wimmentaler Kinder gingen teils in Sülzbach aber auch in Grantschen zur Schule.


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