Rundgang Willsbach
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Marktplatz 2, Obersulm-Willsbach

Das alte Kelter- und Rathausgebäude
Durch Verwaltungsedikt vom 18.03.1822 wurden in den Gemeinde des Königreichs Württemberg die Grundsätze einer kommunalen Selbstverwaltung eingeführt.
Im Jahr 1823 erwarb die Gemeinde Willsbach vom königlichen Kameralamt in Weinsberg das alte Keltergebäude. Das Erdgeschoß mit Kelter gehörte dem Königreich Württemberg während das Dachgeschoß bereits Eigentum der Gemeinde war (Stockwerkseigentum). Schultheiß zu dieser Zeit war Friedrich Höring. Im Kaufprotokoll steht:" Das einstockige Keltergebäude nebst Anbau, die große Kelter genannt, mit 4 Bäumen und einem heizbaren Kelterstüblein, Mitten im Dorf. In der Kelter befinden sich 4 Bäume (Kelterbäume= Pressen) und auf derselben das Rathaus, welches im Eigentum der Gemeinde und von ihr nebst dem Dach des Keltergebäudes im baulichen Stand zu unterhalten ist." Neben den Rathausräumen befand sich in der Kelter auch der sog."Fruchtvorratskasten." Das ursprüngliche Baujahr des Gebäudes ist nicht bekannt. Es ist durchaus möglich, dass in dem Gebäude ursprünglich nur die Kelter untergebracht war und die Rathausräume im Dachgeschoss erst später dazu kamen. Dafür spricht auch das Stockwerkseigentum. In den Jahren 1778 bis 1781 wird in den Akten bereits von der Renovierung des Rathauses gesprochen. Nach der Chronik von Schultheiß Maurer (1892 bis 1922) wird das heutige Geb.15 ,Mühlstraße als "Amtshaus" bezeichnet. Dabei dürfte sich um das Haus eines Schultheißen gehandelt haben. Im Mittelalter und auch noch in der Neuzeit war es auf den Dörfern üblich, dass Dienstgeschäft im eigenen Haus erledigt wurden. Zusammen mit der "Großen Kelter" erwarb die Gemeinde 1823 auch die "Kleine Kelter." Heute steht dort das Apothekengebäude. In den Kaufakten steht:" Das einstöckige Keltergebäude mit einem Kelterstüblein, die kleine Kelter genannt, welche gegenüber von der großen Kelter steht und in dem sich 2 Bäume (Kelterbäume=Pressen) und eine Drotte befinden" (Drotte/Trotte = Anlage zum Trauben treten). Der Kaupreis für beide Gebäude zusammen betrug 5000 Gulden und war in zwölf Jahresraten beginnend ab Martini 1824 an das Kameralamt zu bezahlen.
Das Rathaus von 1845/1846
Auf Grund zunehmender Baufälligkeit wurde das alte Kelter-und Rathausgebäude 1844 vollständig abgebrochen. An selber Stelle begann 1845 unter Leitung des Architekten Glanz aus Ebingen der Bau eine neuen Rathauses mit neuen Kelterräumen und einem „Ortsgefängnis. Mit einem Bauaufwand von 12.314 Gulden wurde das Gebäude im Januar 1846 fertiggestellt. Der Kelterbetrieb im Rathausgebäude wurde nach Inbetriebnahme der neuen Kelter der WG Willsbach an der Löwensteiner Straße im Jahr 1950 eingestellt.
Auf mehrfache Eingaben der Gemeinde Willsbach an das Ministerium des Innern erhielt das Dorf am 13. Juli 1864 das Recht, jährlich fünf Märkte abzuhalten und rückte damit in die Reihe der „Marktflecken“ ein. Ein Relikt aus der damaligen Markttätigkeit sind die heute noch an der Südseite des Gebäudes (Marktstraße) angebrachten sieben Eisenringe. Sie dienten zum Anbinden der Lasttiere der Marktbetreiber oder auch der Ochsen beim Ochsenhandel.
Nach dem Zusammenschluss der früheren selbständigen Ortschaften Affaltrach, Eichelberg, Eschenau, Weiler und Willsbach zur Gemeinde Obersulm auf 01. Mai 1972 (ab 1975 mit Sülzbach) wurde in der geometrischen Mitte des Gemeindegebiets das neue Verwaltungszentrum mit Sitz der Gemeindeverwaltung gebaut . Als erster Bürgermeister der neuen Gemeinde Obersulm wurde Horst Finkbeiner gewählt (zuvor Bürgermeister der Gemeinde Eschenau). Der bisherige Willsbacher Bürgermeister Hans Müller (21. März 1954 bis 30.04.1972) war noch bis 1974 als hauptamtlicher Ortsvorsteher tätig.
Die einzelnen Ortsvorsteher nutzen noch eigene Räume in den ursprünglichen Rathausgebäuden. Die Ortsverwaltung hat allerdings ihre Räumlichkeiten im Obersulmer Verwaltungszentrum. Das frühere Willsbacher Rathaus wir heute weitgehend privatwirtschaftlich genutzt. (Arztpraxis)
In einer Oberamtsbeschreibung des Oberamtes Weinsberg aus dem Jahre 1861 heißt es: „…Auf einem freien Platz in der Mitte des Dorfes, …., steht das im Jahr 1845 neugebaute, 97 Fuß lange und 45 Fuß breite, in städtischem Stil aufgeführte große Rathaus, mit Kelter von 4 Bäumen und Ortsgefängniß im unteren steinernen Stocke, und mit großem Rathaussaale, Arbeits- und Registraturzimmern im obern Stock. Die Baulast und Unterhaltung ist Sache der Gemeinde.“
Kelter
Exkurs: Die im Text erwähnten „4 Bäume“ bezeichnen sogenannte „Kelterbäume“. Ein "Kelterbaum" war früher ein wichtiger Bestandteil der Weinkelter, insbesondere in traditionellen Weinanbau-Regionen. Ein Kelterbaum war in der Regel ein großer, stabiler Baum, oft eine Linde oder Eiche, der dazu verwendet wurde, Trauben zu pressen und den Saft zu gewinnen, der dann zur Weinherstellung verwendet wurde. Die Trauben wurden auf dem Boden oder auf einer Plattform in der Nähe des Baumes ausgebreitet. Dann wurden sie von Menschen oder Tieren, wie Eseln oder Pferden, auf einer hölzernen oder steinernen Vorrichtung, die als Kelter oder Keltermühle bezeichnet wurde, zermahlen. Der Saft floss dann aus dieser Vorrichtung in einen darunter platzierten Behälter, oft ein großes Holzfass oder einen Steintrog. Der Kelterbaum diente als stabile Stütze für die Vorrichtung und erleichterte so den Pressvorgang. Der Einsatz von Kelterbäumen war weit verbreitet, bevor moderne Weinpressen und -techniken entwickelt wurden.
Schultheiss
Schon seit dem hohen Mittelalter wurde das Gemeindeoberhaupt als „Schultheiss“ bezeichnet. Die Bezeichnung stammt wohl aus dem Umstand, dass das Gemeindeoberhaupt als Unterbeamter des Kastvogts für die Beitreibung des „Zehnten“ in seiner Gemeinde zu sorgen hatte. Die Bezeichnung sollte eher „Schuldheiss“ (abgeleitet von „Schuld heischen“) lauten. Im Jahr 1929 beschloß´der württembergische Landtag den Titel "Schultheiß" abzuschaffen und dafür die Bezeichnung "Bürgemeister" für den Ortsvorsteher einzuführen. "Bürgermeister" war in früheren Zeiten die Bezeichnung für die Gemeindepfleger (rechner).
Schultheisse, Ortsvorsteher und Bürgermeister Willsbachs ab dem 19. Jahrhundert
© Harald Löw
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