Rundgang Willsbach
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Spatzenhof 1, Obersulm-Willsbach
Das heutige Gebäude Spatzenhof 1 steht auf historischem Grund und erlebte im Laufe der Jahrhunderte eine wechselvolle Geschichte.
Das Gebäude
Die Nähe zur St. Georgskirche (frühere St. Georgskapelle) weist auf eine frühe Baugeschichte an diesem Platz hin. Oft entwickelten sich im Mittelalter die Ortskerne der Dörfer in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche. Der mit Sandsteinen gebaute geräumige Gewölbekeller gehört zum ältesten Teil dieses Gebäudes und ragt im nördlichen Gebäudeteil in voller Geschosshöhe über das Erdreich. Er ist auch heute noch vom Erdgeschoss aus über eine innenliegende Wendeltreppe zugänglich. Das heute über dem alten Kellergeschoss stehende Gebäude stammt aus den Jahren 1957/1958. Die beiden Stockwerke des Vorgängerbaus bestanden aus Fachwerk (Zier- und Konstruktionsfachwerk). Der Gebäudeeingang lag im ersten Stockwerk auf der Westseite etwa in der Gebäudemitte und war durch eine vorgesetzte steile Steintreppe erreichbar. Das Eingangspodest war durch einen Erker mit Spitzgiebel überbaut, der bis ins Dachgeschoß ragte. Am Nordgiebel befand sich ein Anbau mit Schleppdach. Zu dem Gebäude gehörte eine "geräumige Scheuer mit Stallungen". Das genaue Alter des alten Gebäudes ist nicht bekannt. Es dürfte aus dem 16. Jahrhundert stammen, wobei der Keller durchaus auch älter sein kann.
Eigentümer und Nutzung
Ob das Kloster Schöntal an der Erbauung beteiligt war und der Keller als "Zehntkeller" diente, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit nachweisen. Es spricht aber manches dafür. Nicht nur, weil von Generation zu Generation bis zur heutigen Zeit von diesem Gebäude als "Schöntaler Zehntkeller" gesprochen wird. Auf jeden Fall muss der Bauherr vermögend gewesen sein. So hebt sich das Gebäude in Größe und Bauweise deutlich ab von den einstöckigen Häusern ohne großen Sockel, wie sie früher weit verbreitet in den Dörfern zu finden waren. Des Weiteren erhielt das Kloster Schöntal ein Drittel des Groß- und Kleinzehnten aus Willsbach. Diese Einnahmen standen dem Kloster aufgrund der kirchlichen Verbindung Willsbachs zur Sülzbacher "Mutterkirche" zu, wo die Schöntaler das Kirchenpatronatsrecht besaßen. Erst 1571 bestellte das Herzogtum Württemberg einen eigenen Pfarrer für Willsbach (siehe auch Bericht zum Ev. Pfarramt). Ab diesem Zeitpunkt entfielen für das Kloster seine Pfründe in Willsbach. Nach dem Gebäudekataster war das Haus zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Stockwerkseigentum aufgeteilt. So waren der Schulmeister Müller zu 1/4, der Bauer Johann Georg Ruth zu einem 1/4 und der Schultheiß Friedrich Höring (Häring?) zu 1/2 gemeinsam Eigentümer. In 1840-er Jahren ging das Eigentum von Schulmeister Müller auf Carl Georg Ruth und das Eigentum von Schultheiß Höring (Häring?) auf den Wundarzt Franz Karl Hirsching über. 1854 erwarb der Bauer Christof Kuttruff die Eigentumsanteile der Familie Ruth und 1869 den Anteil von Wundarzt Hirsching und war somit Alleineigentümer. Nach dem Tod von Christof Kuttruff im Jahr 1901 erhält testamentarisch verfügt, der Metzger August Jörg das Anwesen. Dieser verkaufte es 1903 an August Jakob Hohl und seine Ehefrau Christine Sophie geb. Vollert. Seit nunmehr vier Generationen ist das heutige Geb. 1, Spatzenhof im Besitz der Familie.
Der "Große Zehnt" war vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert in der Regel eine Naturalabgabe, die von den Bauern auf die wichtigsten Feldfrüchte erhoben wurden. Er war ein zentraler Bestandteil der feudalen (herrschaftlichen) "Gefälle" (Abgaben) und umfasste hauptsächlich Feldfrüchte wie Dinkel, Hafer und Roggen. Daneben gab es auch den "Weinzehnten".
Der "Kleine Zehnt" wurde auf Gartenfrüchte, Gemüse und Heu erhoben.
Der Zehnte diente ursprünglich der Versorgung der Kirche. Zehntberechtigt waren die jeweiligen Landesherren. Zehntherren konnten auch Klöster und lokale Adelige sein. In Willsbach waren im Mittelalter der "Große und der Kleine Zehnte" aufgeteilt zwischen den Grafen von Löwenstein, dem Kloster Lichtenstern und dem Kloster Schöntal. Willsbach gehörte bis zum Jahr 1441 zur Grafschaft Löwenstein. Nach Streitigkeiten um den Zehnten schloss im Jahr 1425 Graf Heinrich von Löwenstein mit dem Abt von Schöntal einen Vertrag dahingehend "daß Schöntal den dritten Teil des großen und des kleinen Zehnten haben und genießen solle mit der Bedingung, daß sie den armen Leuten zu Willersbach (Willsbach) jede Woche zwei Messen in der Ortskapelle lesen lasse." (Die St. Georgskapelle wurde 1486 - 1489 erweitert und zu dem heutigen Kirchengebäude umgebaut).
Bei der Zehntablösung durch die Grundablösungsgesetze 1848/1849 stand der Große Zehnte zu Teilen dem Königreich Württemberg und zu Teilen dem Fürstenhaus Löwenstein-Wertheim-Freudenberg zu. Der "Kleine Zehnte" war zwischen der Kirchengemeinde Willsbach und dem Königreich aufgeteilt.